Teil 3: Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989 DDR (15.10.1989)

“Von Leuten, die stundenlang nackt an eine Wand gestellt verhört wurden, von Frauen, die man auf LKW lud und raus fuhr, nachts auf einem Acker aussetzte”

Meine Tagebuchnotizen vom 15. Oktober 1989.
Dies ist Teil 3 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, Teil 1 ist ein Tagebucheintrag vom 04.Oktober 1989, er findet sich HIER. Dort gibt es auch eine kleine Einleitung zu dieser Reihe. Teil 2 sind Tagebucheinträge vom 6. und 9.10.1989 (LINK). Auf meiner Homepage gibt es auch noch mehr Dokumente aus der Wendezeit (LINK) und persönliche Bilder von 1989 (LINK) sowie Informationen zu meinem Buch “Mauern einreißen!” (LINK).

Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla)

Montag, 15.10.1989

Heute ist Dietel (=Schulrektor) wieder da, ich bin hier – Mbg. (=Müncheberg), Eli auch, Anka Goll ist schon weg. Müde, 22:00, geschafft, Politik nervt und reibt auf, aber positiv! Wir sind so viele! VBK Frankfurt (=Verband Bildender Künstler) -> Resolution. Vom VBK Berlin schon 3 neue, alle. Unsere (ADB: gemeint ist die Resolution vom 9.10.1989) ist wohl über D. schon in Berlin angekommen, hörte heute in Tagesschau über Stud., die unabhängige Studentenvertretungen vorschlugen – kann sich nur auf unseren gleichlautenden Satz in der Resolution handeln. Hatte sie oft abgetippt. Habe von Golls neuen, konkreten Forum-Text bekommen. Bin noch beim tippen. Zu müde für heute. Morgen vielleicht? (…)

Ausschnitt-15-10-1989-HoneckerIn Berlin gestern Rockkonzert für Demokratie, Karat, Pudys, Pankow, Silly – alle dabei. Hurra! In Leipzig 10.000 draußen heute, gestern 15.000 friedliche Demonstranten in Plauen. Hurra. Prozess nicht aufzuhalten. Volkswitz: Honecker wurde doch an der Galle operiert. Entließ dann den Chirurgen, da dieser sich in seine inneren Angelegenheiten (ein)gemischt hätte. Entließ dann auch den Internisten, dieser hatte eine Reformdiät verschrieben. “Früher hieß es Volk ohne Raum, heute Raum ohne Volk”. Ungarn ist jetzt ganz zu, wegen Ferienverkehr sind am Wochenende 4.000 (!) rüber. In Warschau schon wieder 1.400, man rechnet mit 150.000 Ausgereisten bis Jahresende. Schlimm. ZK (=Zentralkommittee der SED): “Denen weinen wir keine Träne nach, auf Verräter können wir verzichten” – schlimm.

Ausschnitt-Kuno-15101989

Kuno hat man gesagt, sein Problem würde noch dieses Jahr gelöst werden… Sehe ich ihn noch mal wieder? (ADB: Mein Bruder hatte einen Ausreiseantrag gestellt) Er glaubt nicht an eine Änderung. Anka G. hat viel Gutes erzählt, das Forum hat ganze Belegschaften, Betriebe einschließlich Leiter gewonnen, Massen. So viele, Idee, die die Massen ergreift! Da ist die Wahrheit, und dann  kommt Hager (=Kurt Hager, Mitglied des ZK der SED und des Politbüros) und sagt, wir haben soviele Plattformen und Foren, da haben wir sozialismusfeindliche neue gar nicht nötig, Geschichte des Soz(ialismus) sei doch Geschichte von Reformen schon immer gewesen… Ironisch, lenkt ein, um von den Machtpositionen nicht gehen zu müssen. Nichts da, ihr habt Eure Unfähigkeit lange genug bewiesen!

Von den Behandlungen der Gefangenen am 7.10. gibt es schreckliche Berichte. (ADB: siehe dazu mein Tagebucheintrag vom 09.10.1989 – LINK) Von Leuten, die stundenlang nackt an eine Wand gestellt verhört wurden, von Frauen, die man auf LKW lud und raus fuhr, nachts auf einem Acker aussetzte, sie trampten (die ersten) und ein informierter Kommissar hat wütend alle anderen per Taxi holen lassen. Rest-mensch gibt es also auch noch. Jedenfalls hat die Schule das Argument mit dem Antisozialismus für das Forum nicht mehr. In der neuen Erklärung ist es genau fixiert, im Sozialismus, und für Sozialismus und ohne Wiedervereinigung die DDR bessern und reformieren.

Auszug-Stasiakte-Sputnik

Ausschnitt aus meiner Stasi-Akte mit Bezug auf eine Eingabe gegen das Verbot der russ. Monatszeitung “Der Sputnik” vom November 1988

Müde. Von Eli (=Studienfreundin meiner Mutter aus der BRD) der Super – Phillips – Doppeldeckerrecorder, sicher sehr teuer. Mein Geld hat sie nicht genommen. (…) Er ist supergestylt, abgerundet überall, schwarz, leicht, schön, superklang. Karsten wird staunen. Freue mich, Ananas und Nutella mit ihm zu verzehren. Auch feine Kassetten habe ich jetzt 5 Stück. Alexej (=russischer Brieffreund) hat zwei Sputniks losgeschickt, hoffentlich kommen sie an, hoffentlich sind es deutsche! Müßte ja bald sein. (1)

Die Stasi läßt mich sicher bald in Ruhe, wo die doch merken, dass ich Schädling geworden bin.(2) (…) Sebastians (=Name geändert) Besuch am Sonntag fiel aus, seine Mutter bekam am Vorabend ein Telegramm – “aus strafvollzugstechnischen Gründen kein Besuch möglich”, voll, was? (3)

Erläuterungen der Fußnoten:

(1) Der Sputnik war ein russisches Monatsjournal, im dem sich früh der Geist von Glasnost abzeichnete. So kritisch und offen, wie im Sputnik geschrieben wurde, kannten wir das noch gar nicht in der DDR. Daher war der Sputnik ein begehrtes Heft geworden. Aber im Herbst 1988 (also ein Jahr vor dem Mauerfall) wurde der Sputnik verboten. Ich schrieb damals eine Eingabe an das Postministerium, die knapp 2 Monate später vom Ministerium belanglos beantwortet wurde. Schneller ging der Eintrag in meine Stasiakte, die aus diesem Anlass angelegt worden war.

Brief-Postministerum-obere-Hälfte

Brief-Postministerium-untere-Hälfte

(2) Die Stasi lockte mich im September 1989 mit einem fingierten Brief in ein Jugendreisebüro, wo man versuchte mich zur Mitarbeit als IM zu erpressen. Ich sollte über die Aktivitäten an der Kunstschule berichten und dafür eine Genehmigung bekommen, ein Stipendium einer französischen Kunstschule annehmen zu dürfen, das ich gewonnen hatte. Zusätzlich wurde mir angedroht, dass mein Vater seine Arbeit als städtischer Arzt verlieren würde, wenn ich die Kooperation verweigerte. Meine Parisreise fiel aufgrund meiner Verweigerung ins Wasser, aber wenigstens behielt mein Vater seinen Job.

(3) Sebastian heißt eigentlich anders, er ist ein Freund aus Kindertagen, der in Halle im Gefängnis saß. Ich hatte mich als seine Verlobte ausgegeben, um Besuchsrecht zu haben und damit er mir schreiben darf. Von ihm wird später noch mehr die Rede sein.

***

Dies war der 3. Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989. Weitere folgen in den nächsten Tagen.
Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt :-)

Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

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